Montag, 12. Juli 2010
Einer wie der Andere
Ja, sie sind wohl die Versager einer ganzen Nation. Man dachte, sie wissen, was sie machen oder dass sie es schon öfter in ihrem Leben gemacht haben. Aber in diesem Fall könnte man denken, es waren völlige Neulinge. Ich meine damit mal nicht die Bundesregierung, weil die ja im Moment nicht ganz so brisant daher kommt. Auch meine ich nicht die Nationalmannschaft, denn die haben ja mit Ausnahme von zwei Spielen doch wirklich brilliert.
Nein, es geht mir viel mehr um das, was zwar vor den Kameras stand, aber selber nicht auf dem Platz. Ich verstehe zwar bis heute nicht, warum Fußballer so viel Geld verdienen. Aber noch viel weniger verstehe ich die Medien, allen voran die Kommentatorenduos, die ihr Geld für das kriegen, was sie in den letzten Wochen abgeliefert haben. Zuallererst muss man sich mal vorstellen, wie viele Leute dort hinunter geflogen sind. Als hätten nicht pro Sender zwei oder drei gereicht. Es musste nun wirklich jeder hin. Die ARD schickte das Topgespann Netzer/Delling an den Start, die es trotz 12-jähriger Zusammenarbeit noch nicht geschafft haben, sich zu duzen. Viel mehr kommen dann irgendwelche sinnlosen Gespräche heraus, die verdammt hochtrabend klingen sollten, es aber nicht schafften. Man sollte bedenken, dass es eine Fußball-WM und keine Debatte mit der Queen höchstpersönlich ist. Aber man kennt die zwei ja: Immer formell, mit wenig Emotionen, voll aneinander vorbeigequasselt, aber irgendwo haben sie dann doch immer gewusst, was der andere vielleicht sagen wollte.
Viel schlimmer war das ZDF. Liebevoll als KMH betitelt, machte eben diese unserem Ex-Torhüter das Leben schwer. Egal was es war, Oliver Kahn wusste es zwar besser, da er ja selber mal auf dem Platz stand. Aber seine Partnerin wirkte so, als hätte sie alleine die Regeln des Fußballspiels erschaffen und die drei WM-Titel für Deutschland abgesahnt. Ja, sie wusste alles besser, die Frau mit der furchtbaren Frisur und dem langen Namen, der sogar für eine witzige Abkürzung reicht. Wäre sie bei Müller geblieben, hätte sie wenigstens eine Namensverwandtschaft mit unserem Toptorschützen feststellen können – wie wohl jeder 6. Deutsche auch.
Am wenigsten lässt sich wohl RTL zur Kritik herziehen. Liegt aber auch daran, dass dem Privatsender das Geld nicht gereicht hat, eher mittelmäßige Spiele übertragen wurden und dazu auch wenige. Da war nicht viel falsch zu machen. Mit Ausnahme, dass vier Leute für ein Spiel zuständig waren. Darunter ein verwöhnter Ex-Nationaltrainer, der wohl neidisch auf Jogis Arbeit ist, ein Reporter, der viel mehr zur Formel Eins gehört, aber neben Klinsmann nicht so oft in die Schranken gewiesen worden ist und ein Günther Jauch, der von allen vergöttert wird, aber so viel Geld einsteckt bei der Sache, dass man sich wundert, warum er überhaupt noch arbeitet.

Noch atemberaubender waren die Reporter, die nicht direkt das analysierten, wie die vorher genannten, sondern viel mehr das analysierten, was keinen interessierte. Wir wussten immerhin bald durch diverse Morgenmagazine, Mittagsmagazine, Journals, Schauen …(blablabla), was unsere Mannschaft dort unten machte. Sie reisten nach Kapstadt, wollten dort ne Stadtrundfahrt machen, vor dem Halbfinale wurde man zum Kaffeetisch geladen. Der und der wurde behandelt, es gab um die Uhrzeit Frühstück. Hätte uns nur noch gefehlt zu erfahren, wie viele Brotscheiben Nutella von Özil und Neuer gegessen wurden und wann wer aufs Klo geht und wie er es macht. Dadurch hat man gesehen: Unsere Medien setzen Prioritäten. Das interessiert die Mengen, dafür müssen alle nach Südafrika und wir bezahlen dafür. Schön, nicht? Für diese Herrschaften, die sich ja zu den seriösen öffentlichen Programmen zählen noch dieser Tipp: Wir haben genügend Sender wie RTL II und ProSieben, da brauchen wir nicht noch mehr von.

Es gab aber auch die, die bis zum bitteren Ende nach den guten Omen gesucht haben, die es wirklich zuhauf vor jedem Spiel gab und das überall. Dadurch wurde unsere Mannschaft ja zunehmend unter Druck gesetzt, neben dem guten Spiel, da muss man ja versagen. Vor allem wenn man aufpusht, in welche Boxen ein Oktopus krabbelt, sodass alle es mitbekommen und so sehr davon beeinflusst werden, dass es ja klar ist, welche Mannschaft gewinnt, weil die anderen sich nicht gegen das große Orakel stellen. Genauso befremdlich sind Rechenspiele. Mit rechnen kann man keine Spiele gewinnen, die kann man nur durch spontane Entscheidungen und ohne jegliches Denken gewinnen.
Also verbleiben wir doch wie damals, als alles angefangen hat, nämlich 1954. Da gab es keine Rechenspiele, weil es das erste Mal war. Damals hat man Deutschland den Titel in gleichem Maße zugetraut und auch wieder nicht. Damals war es so befreiend. Ja, das war damals. Traurig eigentlich. Deutschland hätte es wohl verdient, aber Uruguay, Holland und Spanien auch, denn auch sie sind durch Qualifikationen, durch das Round Robin und das Achtelfinale und Viertelfinale. Da kann man nicht nach der Stärke der Gegner entscheiden. Gegen vermeintlich schwächere lässt es sich nicht leichter gewinnen.

Nun können wir uns trösten, wir sind wohl Rechenweltmeister, beherbergen das neue Orakel von Delphi, haben eine Kanzlerin, deren Jäckchen fast auseinander springt, weil sie so frenetisch die Arme hochreißt, wir sind wohl die konstanteste Mannschaft der Welt.
Klar ist es traurig, nicht Weltmeister geworden zu sein. Aber so können wir uns durch die engagierte Spielweise trösten, dass unsere Medien wieder einmal vermeintlich versagt haben. Die Bundesregierung zwar auch. Aber bis ich mich mit denen beschäftigte, muss die WM erstmal vorbei sein. Vorher wills eh keiner lesen.

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